Die Internet-Konferenz re:publica in Berlin ist mit einer großen Fete zu Ende gegangen. Viele fuhren anschließend motiviert nach Hause, um mit ihren privaten und beruflichen Perspektiven weiter voran zu kommen, für die sicher auch die Dienste des Internets gerne weiter eifrig genutzt werden.

Frühling in Berlin

Berlin im Frühling

Dabei gab es viele kritische Töne auf der re:publica 2015: Überwachung durch internationale und nationale staatliche Einrichtungen, Manipulationsversuche in sozialen Netzwerken und durch Suchmaschinen, Abbau von Arbeitsplätzen und höhere Risiken, in wenig geschützte Arbeitsverhältnisse zu kommen, müssten eigentlich eher die Stimmung trüben.
Anfang Mai wird im frühlingshaften Berlin die re:publica umgesetzt, doch die Vielfalt der dort gebotenen Veranstaltungen und Kommunikationsmöglichkeiten lassen kaum ein allgemeines Fazit zu. Doch da es der Job von Journalisten ist, für solche Veranstaltungen ein globales Fazit zu formulieren, hat dies auch die taz bzw. Meike Laaff in der Print-Ausgabe vom 11.5.2015 versucht: Die Antwort: Zweckoptimismus.

Internetpolitik ist jetzt Gesellschaftspolitik. Das war das Mantra der neunten re:publica, die zur Alles-und-Internet-Konferenz geworden ist. (Zitatende)

Damit hat die Autorin zwar sehr richtig erkannt, welche Motivation die Macher von netzpolitik.org umtreibt und wie sie das Projekt re:publica vorantreiben wollen, doch es bleibt unklar, warum denn die bisherige, auf Empörung und Protest setzende Vorgehensweise noch nicht erfolgreich ist. Interessant ist in diesem Zusammenhang auch, dass die Online-Artikel von Meike Laaff zur re:publica durchaus differenzierter formuliert sind. Möglicherweise fördert das Medium Print eine weniger differenzierte Sicht auf Ereignisse, als das Medium Internet.

Saschal Lobo auf der Re:Publica

Saschal Lobo auf der re:publica 2015

Doch mit meinem Blogbeitrag soll keine Medienanalyse oder Medienkritik umgesetzt werden, sondern über die re:publica und die dort erreichten oder nicht erreichten Ziele berichtet werden. Wäre es allein das Ziel der Veranstalter gewesen, mehr Publikum und Interessierte zu erreichen, dann müsste man der Veranstaltung großen Erfolg bescheinigen. Als Teilnehmer der re:publica konnte man auch genau spüren, dass die meisten Referenten und Besucher sehr zufrieden mit dem Ablauf, den neuen Denkperspektiven und den vielen Kommunikationsmöglichkeiten waren. Doch bei Markus Beckedahl und anderen war zu spüren, dass sie nicht zufrieden damit sein können, dass die Netz-Community im Jahre 2 nach der Aufdeckung der NSA-Überwachungsaffäre durch Edward Snowden weiterhin eher unpolitisch bleibt und sich nicht veranlasst sieht, den Bezug zum Netz oder der Netzpolitik zu verändern. Sascha Lobo, der diesmal nur als Gipsfigur auf der re:publica vertreten war, begründete schon vor der re:publica 2015 diese Stimmungslage eher polemisch als konstruktiv:

Leute erzählen, wie wichtig ihnen Privatsphäre im Netz sei, obwohl sie sich über die reine Formulierung des Anspruchs heraus kaum dafür interessieren. Bequemlichkeit ist ihnen viel wichtiger – aber das hört sich halt nicht so geil an. Mich nervt das sehr. Die Aktivisten, die dahin gehen, wo es wehtut, bekommen zum Dank eine rostige Büroklammer zugesteckt. (Zitatende wired-Interview)

Ob man den Frust über die „Leute“ als Verärgerung oder als „Zweckoptimismus“ verarbeitet, sind nur Varianten für das größere Problem, dass man es nicht wirklich verstanden hat, warum immer mehr Menschen (vor allem im jüngeren Alter) hochmotiviert zur re:publica kommen und diese dann sogar gestärkt und zufrieden verlassen (was mein subjektiver Eindruck von der Veranstaltung war). Obwohl es doch so viele Phänomene rund ums Internet (Totalüberwachung, Arbeitsplatzabbau, De-Qualifizierung, Prekariat) gibt, die eigentlich eine eher depressive Stimmung aufkommen lassen könnten.

Warum die jeweiligen Katastrophen-Szenarios nicht wirklich als persönlich relevant empfunden werden können, kann beispielhaft an der Veranstaltung von Johannes Kleske deutlich gemacht werden, die in einem früheren Blogbeitrag von mir ausführlich besprochen wurde. Es geht oft um globale Trends, die eher als Katastrophe beschrieben werden und es werden in der Diskussion sehr häufig lokale Lösungen diskutiert, die die Katastrophe zum beherrschbaren Symptom herabstufen. Kleske selbst hatte zwei Jahre vorher auf der re:publica 2013 noch das Ende der Arbeit prognostiziert, um jetzt aufzuzeigen, dass es eher ein globaler Trend ist, dass die Arbeit dequalifizierend wirkt und nicht mehr existenzsichernd sein kann.

Die Besucher der Veranstaltung hören sich das an und fragen dann aus einer Beobachterperspektive nach Lösungen, so als ob sie für sich davon überzeugt sind, dass sie davon nicht persönlich betroffen sein könnten. Möglicherweise irrt sich da mancher, doch das Gefühl, dass sich möglicherweise sehr viele irren könnten, kann nicht greifen. Stattdessen erlebt man in der Kommunikation abseits der Veranstaltungen viele motivierte Leute, die neue Projekte entwickeln und die Zukunft eher positiv angehen. Da wird es dann sehr schwer, noch daran zu glauben, dass alles schlimm ist und nur noch schlimmer werden könnte, was als Subtext in einigen Präsentationen nur das wiederholt, was schon immer kritisch über das Internet gesagt wurde.

Sascha Lobo ist sauer, weil er als Mahner nicht ausreichend akzeptiert ist. Möglicherweise liegt es aber auch daran, dass er noch vor wenigen Jahren eher als Internet-Optimist zu überzeugen wusste.

Amazon-Link Gabriel

Amazon-Link Gabriel

Eigentlich gibt es das Internet genauso wenig wie Welt, um einen sehr populären Buchtitel des Bonner Philosophen Markus Gabriel (vgl. Amazon-Link) abzuwandeln. Das Internet besteht aus Überwachung und Kontrolle, aber auch aus Veränderungspotentialen, Geschäftsideen und viel, viel Müll. Das Internet vernichtet Arbeitsplätze und schafft neue Berufsperspektiven. All diese Aspekte konnten in ihrer Vielfalt und Widersprüchlichkeit auf der re:publica erlebt und diskutiert werden.

Ändert man die Perspektive und sieht die re:publica aus der Sicht der Teilnehmer, dann kommt man auch zu einer Erklärung, warum es bisher weder Sascha Lobo, Markus Beckedahl noch anderen gelungen ist, die re:publica bzw. ihre Besucher zu politisieren. Viele Teilnehmer der re:publica studieren noch oder sind im Übergang zum beruflichen Einstieg. Ältere Teilnehmer sind schon im Geschäft und suchen Kooperationspartner oder wollen Ideen austauschen. Die Besucher haben also ein ganz praktisches, materielles Interesse an der Teilnahme. Die Referenten, die die Teilnehmer politisieren wollen, haben bisher keine Ideen entwickeln können, wie sie dieses praktische Interesse mit einer politischen Perspektive verbinden können. Das wird dann schnell in Veranstaltungen deutlich, wo auf steile Thesen („Maschinen machen uns nicht arbeitslos, sie werden unsere Chefs“) mit Unverständnis reagiert wird, weil entsprechende Thesen zwar gut publizistisch vermarktet werden können, aber eher wenig geeignet sind, konkrete Handlungsoptionen sichtbar zu machen.

(Dieses kurze Fazit hatte ich auch als Leserbrief an die taz geschickt. Der Leserbrief wurde inzwischen veröffentlicht.)

Das mit dem Unverständnis der Teilnehmer ist eine allzu starke Verkürzung. Es ist eher so, dass die wenigen Teilnehmer, die sich geäußert haben, eine deutliche Außenperspektive auf die Probleme einnehmen: So als ob man davon gehört habe, dass das Internet Probleme schafft, die einen selbst aber kaum tangieren. Wie die anderen Teilnehmer denken, ist schwer abzuschätzen, könnte aber eher als optimistisch bestimmt werden, denn Pessimisten besuchen eher selten innovativ ausgerichtete Veranstaltungen, für die man dann noch Eintritt zahlen muss.

Ebenfalls zu kurz gesprungen ist die Kritik am Referenten und ähnlichen Positionen, wenn man allein auf die Steilheit der Thesen und die gute Vermarktung von Steilheit verweist. Tatsächlich hat Johannes Kleske (sehr global) einige relevante Handlungsoptionen aufgezeigt. Ich habe in der Diskussion ergänzend einen ganz konkreten Vorschlag eingebracht, der im ganz oben verlinkten Blogbeitrag noch mal skizziert wird.

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