Ergänzung 14.1.2016 (direkt hinter Weiterlesen)

Gerade eben eine Pressemeldung gelesen: Gutmensch ist Unwort des Jahres. Das wird wohl eine Falschmeldung sein, denn erstmals seit vielen Jahren wäre damit ein ironisch gemeintes Wort zum Unwort des Jahres gewählt worden. Möglicherweise wird die Reaktion der Öffentlichkeit auf Gutmensch als Unwort wenig positive Resonanz hervorrufen. Im Extremfall kann diese Fehlentscheidung für Gutmensch dazu führen, dass die entsprechende Institution sich schließlich nächstes Jahr auflösen wird. Nicht ohne vorher noch Unwort zum Unwort des Jahres zu küren. Allerdings ist so viel Ironie von der sprachkritischen Aktion Unwort des Jahres wohl kaum zu erwarten.

Ergänzung 14.1.2016

Auch Jürgen Kaube (Feuilleton-Chef und Mitherausgeber) der Frankfurter Allgemeine Zeitung hat Probleme mit der Entscheidung zum Unwort des Jahres: Aus persönlicher Erfahrung kann er berichten, dass sein Kollege Bohrer vor vielen Jahren gerade jene als Gutmenschen attackierte, …

Zitat http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/gutmenschgenese-geschichte-eines-unworts-14012770.html

… die meinten, eine „deutsche Identität“ lasse sich auf regionaler Grundlage gewinnen, die einen larmoyanten Moralismus pflegten und unempfänglich seien für die Ambivalenzen der Moderne. Zitatende

Zugespitzt ausgedrückt waren das die Leute, die heute bei der Pegida oder der AFD mitmarschieren. Wie man an dem Beispiel sieht, sollte man bestimmte kritische und ironische Begriffe nicht den Rechten überlassen, was leider jetzt, durch die Unwort-Entscheidung für Gutmensch nicht mehr rückholbar ist.

Ende der Ergänzung

Das Unwort des Jahres findet sich als Liste im zuletzt verlinkten Wikipedia-Eintrag. Mir fällt auf, dass in dieser Liste jede Menge von zeitaktuellen Begriffen auftauchen, aber selten ein Begriff ironisch gemeint ist. Lügenpresse (2014) oder notleidende Banken (2008), das sind zwar Begriffe, die jedweden Realitätsbezug vermissen lassen, die aber durchaus als ernstgemeinte Begriffe (also ironiefrei) in der politischen Diskussion verwandt werden. Würde man die notleidenden Banken oder die Herdprämie (2007) ironisch verwenden, dann wären das sehr gute Begriffe, um die bundesdeutsche Realität zu bestimmen. Das gilt gleichermaßen für Humankapital (2004), das nicht nur Marxisten zu Recht verwenden können. Auch die Peanuts (1994) von Hilmar Kopper waren ironiefrei und zugleich eine zutreffende Beschreibung der Probleme, die die deutsche Bank mit unbezahlten Handwerkerrechnungen eines ihres bekanntesten Kreditnehmers hatte.

Beerdigung Unwort des Jahres 2016

Beerdigung Unwort des Jahres 2016

Schaut man sich die Liste Unwort des Jahres genauer an, dann könnte man den Verdacht bekommen, dass die Jury zum Unwort des Jahres nicht die gesellschaftlichen Probleme im Blick hat, sondern vor allem mit deren realistischen Benennung zu kämpfen hat. Da macht es dann Sinn, dass irgendwann diese geheime Selbstbeschreibung Gutmensch zum Unwort des Jahres gekürt wird. Gutmensch ist sicherlich kein schönes Wort, aber Rassisten, Antisemiten oder Schwulenfeinde sind auch keine schönen Worte und ebenfalls keine netten Menschen.

Gutmensch kann also auch als Kritik an Leuten verstanden werden, die meinen, sie wären was Besseres als andere. So gesehen will keiner Gutmensch sein, genauso wie keiner Rassist, Antisemit oder gar Schwulenfeind sein möchte.

Schön wäre es allerdings, wenn Deutschland eine Gesellschaft wäre, die keine Gutmenschen benötigte; dass Rassisten, Antisemiten oder Schwulenfeinde nicht benötigt werden, ist sowieso klar, insbesondere den Gutmenschen.

An dem Uli Hoeneß-Beispiel (Gutmensch, weil er lieber selbst gute Taten finanziert, statt Steuern zu zahlen) wird deutlich, dass praktisch jeder als Gutmensch bezeichnet werden kann. Jeder kann auch jeden anderen als Gutmensch bezeichnen; das kann dann als Lob oder als Diffamierung verwendet werden.

Wenn ich das richtig sehe, will kaum einer als Gutmensch bezeichnet werden. Sich selbst als Gutmensch zu bezeichnen, könnte man als Eigenlob auslegen. Damit hätte man – meinen Verständnis nach – genau wie die „sprachkritischen Aktion Unwort des Jahres“ die mögliche Ironie beim Wortgebrauch Gutmensch nicht verstanden.

Indem ein schillernder Begriff wie Gutmensch einseitig als Unwort qualifiziert wird, meint die sprachkritische Aktion Einfluss darauf nehmen zu können, wie der (Achtung, jetzt kommt das nächste Unwort) „politisch korrekte“ Sprachgebrauch auszusehen hat. Deutschland braucht vielleicht Gutmenschen, Deutschland braucht aber keine „Sprachpolizei“ (noch ein Kandidat für das Unwort des Jahres).

An anderer Stelle ist die These vertreten worden, dass es keine Unworte und auch keine Unworte des Jahres geben kann. Dem möchte ich ausdrücklich widersprechen. Döner-Morde (2011) für die Mordserie der NSU oder betriebsratsverseucht (2009) haben eine klare politische Zweckbestimmung: Verharmlosung bzw. Dämonisierung. Aber es scheint schwer zu sein, jedes Jahr ein entsprechendes Wort zu finden und daher möchte ich hier den Vorschlag machen, die Unwort-Bestimmung zu beenden und die Reflexion des angemessenen Wortgebrauchs außerhalb von Jahreszyklen zu fördern. Worte und Wörter haben einen je spezifischen Zweck, Unworte oder Unwörter müssten also zweckfrei sein, was bei allen Begriffen der Liste Unwort des Jahres bezweifelt werden muss. Ich schlage deshalb vor, dass die sprachkritische Aktion Unwort des Jahres 2016 ihre Arbeit beendet oder neu fokussiert: Unwort wird Unwort des Jahres 2016.

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