Auf dem Weg zur Re:Publica

Auf dem Weg zur Re:Publica

Wer sich Ende des Vormonates schnell entschlossen hatte, zum Monatsanfang nach Berlin zu fahren, um an der re:publica teilzunehmen, der wird wohl kaum damit gerechnet haben, dass sowohl eine Anfahrt mit der Bahn wie auch ein Aufenthalt in Berlin zum Verkehrsproblem werden könnte.

Die Lokführer, die in der Gewerkschaft der Lokführer (GdL) organisiert sind, hatten eher kurzfristig für die Woche bis Sonntag (10.5.) einen umfassenden Streik angekündigt, der nicht nur für die Anreise, sondern auch für den Aufenthalt in Berlin relevant wurde. Denn der S-Bahn-Ring um das Berliner Stadtzentrum wurde komplett deaktiviert, was für volle U-Bahnen und U-Bahnhöfe sorgte. So wurden die Veranstalter, Teilnehmer und Referenten der re:publica jeden Tag (Di 5.5 bis Do 7.5.) mit der Realität einer sehr bunten und vollen Großstadt und auf Tuchfühlung mit ganz unterschiedlichen Menschen gebracht. Hat dieser Realitätsbezug die re:publica beeinflusst oder lässt sich der normale Re:publicaner von den Widrigkeiten des Alltags nicht beeindrucken?

Was ist die re:publica?

Halle der re:publica

Halle der re:publica

Die re:publica ist eine für jeden offene Konferenz zum weiten Themenfeld von Internet und Gesellschaft, neuen Medien und Online-Marketing, Veränderungen der Gesellschaft durch zunehmende Digitalisierung, Datenüberwachung, Big Data und den vielen damit zusammenhängenden Fragen. Wer die Veranstalter genau sind, lässt sich nicht einfach sagen, denn hier dominieren die informellen Strukturen die offiziellen. Gegründet wurde das alljährliche Treffen 2007 von einer illustren Schar von Bloggern, die teilweise inzwischen auch in der Offline-Welt deutlicher wahrgenommen werden. Sascha Lobo, der bekannteste und optisch auch auffallendste Blogger Deutschlands, war allerdings diesmal nicht dabei, möglicherweise auch, weil seine Bestreben, die Community zu politisieren, bisher nicht so recht zünden konnte.

Saschal Lobo auf der Re:Publica

Saschal Lobo auf der re:publica

Das wird wohl kaum an den Sponsoren gelegen haben. Als erstmaliger Teilnehmer der re:publica war ich erstaunt, auf der Website der Veranstalter der re:publica folgenden Text zu lesen:

Die re:publica pflegt zudem enge Partnerschaften mit ihren Sponsoren. In den vergangenen Jahren waren das die Daimler AG, comdirect bank AG, Microsoft, Sony, WDR, Deutsche Bank, Konrad-Adenauer Stiftung, Deutsche Telekom, Google Deutschland GmbH, WWF, Hewlett-Packard GmbH, sipgate, ARD, Vodafone und viele mehr. (Zitatende)

Doch ohne die Sponsoren könnte das Event nicht für schlappe 199 Euro Teilnehmergebühr (Sozialtarif nur die Hälfte) besucht werden. Das ist jetzt keine Ironie, denn die Vielfalt und die Qualität der Präsentationen, Gesprächs- und Kontaktmöglichkeiten wiegt die Gebühr voll auf und es ist ohne große Rechercheleistung leicht nachvollziehbar, dass man ohne die Sponsoren schnell zu einer Verdreifachung der Teilnehmergebühr käme.

Geboten wird von morgens bis zum Einbruch der Dunkelheit ein sehr umfangreiches Programm, so dass es sich Netzinteressierte sehr genau überlegen müssen, welche Veranstaltung keinesfalls verpasst werden sollte. Außerdem hat der Besucher viele Möglichkeiten für informelle Gespräche oder die direkte Ansprache von Projektanbietern. Es soll tatsächlich viele Profivernetzter bei den Teilnehmern geben, die keine Zeit für Veranstaltungen haben, weil sie alle paar Meter auf neue oder alten Bekannte treffen.

Themen: Europa, Krisen und wenige Lösungsideen

Finding Europa Re:Publica

Finding Europa re:publica

Während die re:publica sonst eher ohne feste Themenfokussierung auskam, hatte man sich diesmal einen Titel für das Netztreffen ausgedacht: Finding Europe. Doch Europa kann auch ignoriert werden, wenn man jeweils nur zu der Sessions geht, die einen interessiert und dort auch nach der Präsentation weiterdiskutiert. So ergab sich für mich eine improvisierte Veranstaltungsreihenfolge, die eher auf die Schlagworte Internet, Krise und Lösungsansätze fokussiert war.

Der S-Bahn-Streik beschleunigt den Verkehr

Für jeden der 6.000 bis 8.000 Teilnehmer könnte es eine andere Veranstaltungskette geben, die zu gänzlich anderen Fokussierungen führt. Allerdings wollte ich auch noch etwas vom neuen Berlin erleben, zumal nach zwei bis drei Sessions etwas Abwechslung sicher gut tut. Der Streik der Lokführer war dann kein großes Probleme mehr, wenn man auf die S-Bahn als Verkehrsmittel in der Planung verzichtete. Da die Berliner Verkehrsbetriebe offenbar die Taktzeiten für U-Bahn und Busse erhöht hatten, war man sogar schneller am Ziel und konnte wieder schnell zur nächsten Session zurückkehren. Ob die Busse und Bahnen voller als normal waren, kann ich schlecht beurteilen, von den in Printmedien prognostizierten und angeblich erlebten Verkehrs-Katastrophen war kaum etwas zu spüren. Die Berliner Fahrgäste (einschließlich der Touristen) sind eher ruhig und zurückhaltend und Gedränge gibt es nur selten.

Konferenzteilnehmer: Jung, diszipliniert und interessiert

Re:Publica Teilnehmer

re:publica Teilnehmer

Viele Teilnehmer der re:publica studieren noch oder sind im Übergang zum beruflichen Einstieg. Ältere Teilnehmer sind schon im Geschäft und suchen Kooperationspartner oder wollen Ideen austauschen. Das Spektrum bei den Teilnehmern geht also von 30- bis 50+, der Frauenanteil ist für eine eher technisch denkende Community recht hoch. Das Durchschnittsalter der Referenten ist natürlich eher an der oberen Grenze angesiedelt. Die Präsentationen sind meist professionell umgesetzt, gern angenommen werden auch Präsentationen von mehreren Personen, der Technikeinsatz klappt fast immer sehr gut. Manchmal hat mir die Möglichkeit zur Diskussion gefehlt. Viele Veranstaltungen lassen keine Zeit für mehr, als für zwei bis drei kurze Rückfragen. Die Referenten zeigen sich aber stets freundlich und geben zu erkennen, dass sie an einer direkten oder späteren Kontaktaufnahme interessiert sind. Da viele Projekte vorgestellt werden, ist die Re:publica sicher ein gutes Angebot für Vernetzungsinteressierte mit und ohne direkter beruflicher Perspektive. Allerdings sollten die Karriere-Interessenten eher an eine freiberufliche, projektbezogene und selbständige Tätigkeit denken. Jobs im klassischen Sinne mit Festanstellung und jahrelanger Karriereentwicklung werden hier kaum angebahnt, insbesondere weil das auch für viele Referenten keine Perspektive war oder ist.

Media Convention und re:publica

Media Convention auf der Re:Publica

Media Convention auf der re:publica

Etwas verwirrend für Neulinge ist, dass eine zweite kleinere Konferenz, die MEDIA CONVENTION, in die re:publica eingebettet ist. Hier hat man sich deutlich stärker auf journalistische Fragestellungen und eine Internetentwicklungsperspektive im Sinne kommerziellen Erfolgs und Sicherung bzw. Ausweitung von Reichweite bezogen. Man erlebt sich oft bei der Media Convention weniger als steuernd, sondern eher als gesteuert im Spannungsfeld kreativer und technologischer Prozesse.

Die Zukunft des Fernsehens war ein großes Thema: Hat das lineare Fernsehen (Anschalten und Konsumieren) in der Zukunft noch eine Überlebensperspektiven? Brauchen die Nutzer noch Linearität, wenn interessante Live-Ereignisse hinter Bezahlt-Schranken verschwinden? Selbst Anbieter exklusiven Contents (nationale Fußballereignisse) zweifeln an der Zukunft ihres Geschäftsmodells und müssen hinnehmen, dass relevante Ergebnisse (einschließlich der wichtigen Torfotos) direkt über Suchmaschinen abrufbar gemacht werden.

Ernste und weniger erste Ansätze

hoax auf re:publica

hoax auf re:publica

Manche Präsentationen waren eher auf Fun gebürstet. Damit kann dann ein komplexes Thema wie Hoax in der Kürze der Zeit nur angerissen werden. Diese Präsentation war flott gemacht und zeigte viele interessante Beispiele auf, doch wurde mir beim Zuschauen immer unklarer, wie man den Hoaxes von Fehlern und Fälschungen genau unterscheiden kann. Interessant waren die Hinweise, wie man besser Hoaxes erkennt, doch die vorgeschlagenen Schritte waren sehr allgemein und knapp formuliert. Das Hoax-Thema bzw. diese durchaus gelungene Einstiegsveranstaltung wird in einen späteren Blogeintrag noch mal aufgegriffen.

Ernster ging es in anderen Veranstaltungen zu. So machte Ingrid Brodnig deutlich, dass durch das Internet eine kaputte politische Debatte gefördert wird: Wie das Internet Teil des Problems und Teil der Lösung ist, konnte so zu einem sehr spannenden Diskussionsthema der Re:publica werden. Auch hierauf wird in einem späteren Blogbeitrag zurückgekommen.

Ein Fazit der re:publica ist kaum möglich

Durch die Vielfalt der Veranstaltungen und Kommunikationsmöglichkeiten kann kaum ein allgemeines Fazit gezogen werden. Jeder Teilnehmer kann über seinen Weg zwischen den Präsentationen und Gesprächen nachdenken und für sich ein Fazit ziehen. Für mich ist klar geworden, dass das Internet zum Normalfall einer gesellschaftlichen Kommunikation geworden ist. Wenn 80 Prozent der Deutschen regelmäßig online sind, dann gibt es keine Netz-Community im früheren Sinne mehr. Eigentlich gibt es das Internet genauso wenig wie Welt, um einen sehr populären Buchtitel des Bonner Philosophen Markus Gabriel abzuwandeln. Das Internet besteht aus Überwachung und Kontrolle, aber auch aus Veränderungspotentialen, Geschäftsideen und viel, viel Müll. Das Internet vernichtet Arbeitsplätze und schafft neue Berufsperspektiven. All diese Aspekte konnten in ihrer Vielfalt und Widersprüchlichkeit auf der re:publica erlebt und diskutiert werden.

re:pubica 2015 ohne Fazit

re:pubica 2015 ohne Fazit

Die Frage des Realitätsbezugs ist eher kritisch zu sehen. Man hat gelegentlich das Gefühl, das der Anhalter Bahnhof als Raumschiff über der Berliner Realität schwebt. Die Besucher und Präsentatoren strahlen sich wechselseitig an, die Widrigkeiten der Außenwelt werden eher selten zum Diskussionspunkt. Dass die Lokführer und Kindergärtnerinnen deshalb die Gesellschaft allgemein und ihre persönlichen Arbeitsbedingungen verändern können, weil sie auch mal eine Verweigerungshaltung einnehmen und durchhalten wollen, entspricht eher nicht der Mentalität der Besucher. Der Appell von Markus Beckedahl, politisch aktiv zu werden, trifft oft auf verständnislose Gesichter. Politik ist eher das, was ein paar Kilometer weiter im Regierungs- und Parlamentsraumschiff als Inszenierung beobachtet werden kann. Europa wird noch als weiter entfernt erlebt, denn die relevanten Entscheidungsträger sitzen in Brüssel und werden (zu Recht) noch stärker als abgehobener empfunden. Einer von ihnen (Günther Oettinger) soll übrigens die Einladung zur re:publica abgelehnt haben.

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