Amazon-Link granulare Gesellschaft


„Big Data“, der umfassende Trend von Wirtschaft und Gesellschaft, um mit großen Datenmengen zu neuen Handlungsperspektiven zu kommen, hat den Autor Christoph Kucklick motiviert, ein neues Ende einer globalen Idee zu erkennen. Nach dem Ende der Theorie, dem Ende des Zufalls und dem Ende der Stichprobe ist es nun das Ende des Durchschnitts, den Christoph Kucklick am Horizont heraufziehen sieht. Kucklick hat im hier verlinkten Buch zur Verdeutlichung diesen neuen Endes nicht nur einen passenden Gesellschaftsbegriff entwickelt (granulare Gesellschaft), er möchte auch Perspektiven aufzeigen, wie wir Menschen in einer solchen feinaufgelösten Gesellschaft unsere Einzigartigkeit bewahren können. Doch wie stimmig ist dieses Gesellschaftsmodell und wie hilfreich sind Kucklick Überlebensperspektiven?

Hintergründe zur Granularität

Wenn man erstmals von einer granularen Gesellschaft hört, dann wird man das nicht direkt verstehen können. Das Fremdwort „granular“ kann ohne Bedeutungsveränderung durch das deutsche Adjektiv „körnig“ ersetzt werden. Der Duden versteht darunter: „aus kleinen Teilchen, Körnern bestehend, zusammengesetzt“ und verweist als Beispiel auf „körnigen Sand“. Die These von der „granularen Gesellschaft“ unterstellt, dass durch moderne Trends (Big Data) die Gesellschaft feinkörniger wahrnehmbarer wird, was zu einer Reihe von hochrelevanten Veränderungen führen könnte.

Auch der Begriff „Big Data“ (an den man sich inzwischen gewöhnt hat) wird bei genauerem Nachdenken ziemlich schwammig. Gemeint sind die großen Datenmengen, die inzwischen bei vielen Kommunikations- und Interaktionsprozessen anfallen, bzw. die anscheinend undurchschaubar gewordenen Algorithmen, die aus diesen großen Datenmengen Entscheidungen und Handlungsmaximen ableiten.

Autoren neigen dazu, Begriffe neu zu schaffen oder bekannte Begriffe für sich zu besetzen, um nachhaltiger auf die Diskussion Einfluss auszuüben. Solipsismus, Resilienz, Antifragilität sind drei typische Vertreter entsprechender Versuche, deren nachhaltige Akzeptanz noch offen ist.

Autoren möchten auch gerne damit punkten, dass sie die ersten sind, die ein neues Ende am Horizont erkennen. Im Zusammenhang mit dem Big-Data-Thema wurden schon mehrere Enden verkündet: Chris Anderson läutete bereits vor etlichen Jahren das „Ende der Theorie“ ein. Rudolf Klausnitzer schrieb ein ganzes Buch zum „Ende des Zufalls“. In Diskussionen rund um Big Data ist es auch sehr beliebt, vom „Ende der Stichprobe“ ausgehen, schließlich könnte man ja einfach alle anfallenden Daten ohne großen Aufwand auswerten, statt umständlich erst eine Stichprobe (mit Zufallsverfahren) zu erheben. Nun vertritt Kucklick die These vom „Ende der Gleichheit“ und folgert daraus, dass sich damit auch ein Ende von Gesellschafts-Verständnis ergeben müsste, so wie es bisher für moderne Gesellschaften typisch war, wo man oft nur auf Basis von Durchschnittsberechnungen entscheiden konnte. Womit gleichzeitig auch gesagt ist, dass das „Ende des Durchschnitts“ eingeläutet ist. Sind diese Enden tatsächlich schon eingetreten? Francis Fukuyama hatte übrigens nach dem Ende der Sowjetunion das Ende der Geschichte verkündigt, eine These, die im neuen Jahrtausend kaum noch ernsthaft erwägt wird.

Steile Thesen zur granularen Gesellschaft

Kucklick beginnt seine Überlegungen mit der ausführlichen Schilderung eines medizinischen Beispiels. Es geht um den vierjährigen Felix, der unter Diabetes leidet und dem selbstverständlich effektiv geholfen werden sollte. Die Eltern (zwei Mütter) sind in wissenschaftlich-technischen Universitätsbereichen tätig und möchten die komplexe Aufgabe der richtigen Diagnose und Therapie nicht allein den zuständigen Ärzten überlassen. Während die Ärzte zur Diagnose mit wenigen Messdaten auf einem papiernem Formular auskommen wollen, erfassen die Eltern deutlich mehr an Daten und verarbeiten diese darüber hinaus noch mit einen eigens angepassten komplexen Algorithmus: „wissenschaftlich gesprochen: mit einem hierarchischen, multiskalaren Bayes-Modell.“ (Sofern in diesem Blogbeitrag nicht anders angegeben, stammen die Zitate aus dem oben mit Amazon-Link angesprochenen Buch: Christoph Kucklick, Die granulare Gesellschaft. Wie das Digitale unsere Wirklichkeit auflöst, Ullstein Berlin 2014)

Doch mit dem Modell der Mütter und dem zugrundeliegenden Algorithmus wollten die Ärzte nichts zu tun haben. Statt dem „Digital-Felix“ wollten sie lieber einen „Papier-Felix“ behandeln, der nur als eine Variante aus dem Durchschnitts-Patienten denkbar ist. Während Kucklicks Schilderung mit dieser Begriffswahl schon deutlich in den Bereich der Polemik gerät, fragt sich vielleicht mancher Leser, ob für viele Patienten denn die „Abwendung vom Durchschnitt“ eher hilfreich oder eher schädlich wäre. Ärzte sehen das sicherlich nicht so, dass sie jeden Patienten als Durchschnitt behandeln. Sie haben zwar beim Einsatz von Medikamenten gewisse Vorgaben und Regeln, doch sie passen diese gemäß früherer oder aktueller Erfahrungen im konkreten Einzelfall an. Diese Anpassung mutet möglicherweise eher intuitiv an, doch für den Patienten kommt es darauf an, ob die gewählte Strategie Erfolg hat und nicht, ob das zugrundeliegende Handlungsmodell besonders komplex aufgebaut ist und möglichst viele Daten berücksichtigt.

Wissenschaftlich vertretbar wären die Datenerfassungsmodelle und Vorschläge der Eltern nur, wenn die zuständigen Ärzte die zugrundeliegenden Algorithmen und das entwickelte Bayes-Modell verstehen und prüfen könnten. Das wird insbesondere bei den Algorithmen schwer werden, denn diese „verstehen“ (auch nach Kucklicks Einschätzungen) oft nicht einmal die Entwickler selber. Zu beachten ist weiterhin, dass auch komplexe Modelle sehr häufig noch den Durchschnitt voraussetzen. Dass und wie Insulin bei Diabetes wirkt, wird an Standardfällen verdeutlicht. Egal wie diese Dosis im Einzelfall variiert wird, auch hinter diesen Modifikationen muss das, was verändert wird, auf die Standardfälle bezogen sein, damit die individuelle Ausrichtung der Therapie erfolgsversprechend ist und ihre Ergebnisse nachvollziehbar (auch für andere) bleiben.

Ausgehend von dem Beispiel des digitalen Felix, dessen Therapie angeblich keinen Bezug mehr zum Durchschnitt benötigt, wird dann von Kucklick eine sehr globale These entwickelt:

Der digitale Felix hingegen lebt in einer neuen Gesellschaft. Sie ist hochauflösend und kümmert sich nicht mehr um den Durchschnitt. Weil sie etwas Besseres hat: dichte, detailliertere Erkenntnisse. Das verändert grundlegend, wie wir leben, wie wir die Welt sehen und wie wir uns selbst verstehen. Diese Gesellschaft neuen Typs nenne ich: die granulare Gesellschaft. (Zitatende)

Aus einem Beispiel wird direkt eine neue Gesellschaftsform abgeleitet, die noch dazu einen neuen Namen bekommt. Den Begriff der Granularität bezieht Kucklick nach eigenen Aussagen von „Computerwissenschaftlern“: Granularität ist Feinkörnigkeit und diese werde erst durch Digitalisierung möglich.

Als weitere, eher allgemeine, Beispiele wird auf die größer werdenden Datenbestände bei sozialen Netzwerken und bei Handynetzen hingewiesen (zwei typische Big-Data-Beispiele für die Abbildung von sozialen Interaktionen in Datenbeständen). Ein anderes Beispiel sei die Digitalisierung von Büchern; weitere Beispiel werden für spätere Kapitel angekündigt. Anschließend folgt mit Bezug auf den französische Historiker Fernand Braudel die nächste Globalthese: Mit der Erhöhung der Detailgenauigkeit der Realitätswahrnehmung verändert sich die Realität selbst.

Statt diese sehr umfassende These genauer zu erläutern oder hierfür Beispiele zu bringen, führt Kucklick in seiner Einleitung zur granularen Gesellschaft nun „drei Revolutionen“ an, die die „neue granulare Welt“ kennzeichnen:

Differenz-Revolution: Verborgene Unterschiede zwischen Menschen werden sichtbar. Die Menschen werden singularisiert. Die Unterschiede werden sozial zugespitzt und verwertet.

Intelligenz-Revolution: Intelligente Maschinen verteilen Wissen um und verschärfen die ökonomische Ungleichheit.

Kontroll-Revolution: Menschen werden neu sozial sortiert, weil man präzise Vorhersagen über ihr Verhalten machen kann. Ausbeutung wird durch Ausdeutung ersetzt. Gerechtigkeit wird in Frage gestellt und die Demokratie könnte bedroht werden. (Zitatende)

In späteren Kapiteln sollen die jeweiligen Revolutionen belegt und erklärt werden. An dieser Stelle könnte man aber bereits über den Begriff Revolution erstaunt sein, denn damit wird gemeinhin ein plötzlicher Übergang, ein radikaler Wechsel beschrieben. Die Phänomene, auf die Kucklick Bezug nimmt, sind aber schon ziemlich alt und typisch für unsere Gesellschaft, egal, ob man diese als „Kapitalismus“ oder als „Moderne“ beschreibt bzw. begreift:

  • Individualisierung: Seit Jahrhunderten differenzieren sich Rollen und Handlungsmuster aus. Diese werden auch als individuelle Unterschiede verstanden, wobei eine Singularisierung (totale Vereinzelung) schon oft prognostiziert wurde. Singularisierung ist ein soziologischer Begriff, der häufig im Zusammenhang mit der Aufspaltung von Familienzusammenhängen verwendet wird, eine Tendenz, die spätestens seit der Industriealisierung zu beobachten ist und die tatsächlich noch nicht als abgeschlossen eingeordnet werden kann.
  • Künstliche Intelligenz: Gesellschaftliche Abläufe und Arbeitsabläufe durch „intelligente Maschinen“ zu verändern, ist ebenfalls ein sehr langfristiger Trend. Bereits die amerikanische Volkszählung von 1890 konnte nur mit den sogenannten Hollerith-Maschinen bewältigt werden. Diese Lochkarten-Auswertung der Bürgerdaten ist selbst bereits ein sehr frühes Beispiel für Granularität.
  • Soziale Kontrolle über Verhaltensprognosen: Auch dieser Trend ist ziemlich alt. Er wird beispielsweise im Taylorismus (der wissenschaftlich-technischen Arbeitszergliederung) genutzt. Aber jede Auto-Haftpflichtversicherung ist schon seit Jahrzehnten so gestaltet, dass sie eine Kontrolle des Verhaltens der Autofahrer über Prognosen ermöglicht. Auch die Schufa oder ähnliche Einrichtungen nutzten diese Möglichkeiten schon lange vor dem Siegeszug von Computern, Digitalisierung und Internet.

Die „Revolutionen“ finden also permanent statt und das seit langer Zeit.

Ebenfalls eher ungenau ist bei Kucklick die Verwendung des Begriffs Granularität. Ein Lexikon zum IT-Wissen definiert Granularität als die „… Feinheitsstufe der Gliederung, mit der Funktionen und Aktivitäten in Bezug auf die gesamte Aktion unterteilt sind. Die Granularität kann sich auf Datensätze aus Dokumenten, Texten oder Grafiken beziehen, aber ebenso auf Speicher, Sicherheitsmaßnahmen, Programme oder die Datenübertragung, deren Granularität durch die Länge und Anzahl an Datenpaketen grober oder feiner ist.“ Granularität ist also eine Maßgröße, um unterschiedliche Arten von Datendarstellungen zu unterscheiden. Ob man von diesen Unterschieden in den Messgrößen direkt auf die Unterschiede im Gemessenen zurückschließen kann, ist die entscheidende Frage, die in jedem Einzelfall kritisch zu prüfen ist: Mehr Daten und genauere Daten müssen nicht unbedingt bessere Daten sein.

Dieser Einschätzung wird Kucklick möglicherweise zustimmen, doch weite Teile seines Buches sind dadurch geprägt, dies in den Hintergrund zu drängen, wie bereits im Eingangsbeispiel vom digitalen Felix deutlich geworden ist. Ob eine genauere Bestimmung von Schwankungen in den Messung von Blutzuckerwerten zu einer besseren Strategie bei der Anwendung von Diabetes-Medikamenten führen kann, ist eine Hypothese, die erst noch überprüft werden müsste. Dafür wird man dann aber kaum um Untersuchungen herumkommen, die schließlich doch wieder in Berechnungen münden, die irgendetwas über den Durchschnitt aussagen oder auf diesen Bezug nehmen. Hätten die Ärzte Felix nach einem nicht überprüften Computer-Modell behandelt, statt auf die Standard-Vorgehensweise zu setzen, dann wären sie haftbar geworden für Schäden, die dem Patienten gegenüber der Standard-Behandlung möglicherweise entstanden wären.

Das Felix-Beispiel lässt offensichtlich viel Raum für Spekulationen. Bei Felix wurde einen Anstieg des Blutzuckerspiegels festgestellt, wenn dieser am Schulunterricht teilnahm. Insbesondere am Dienstag war wohl die Angst vor der Schule besonders ausgeprägt. Doch sind solche Messergebnisse direkt in Handeln umsetzbar? Wer selbst einmal eigene Körperwerte an unterschiedlichen Tagen und zu unterschiedlichen Zeiten gemessen hat, der wird wissen, dass erhebliche Schwankungen normal sind. Sind diese Schwankungen Zufallsergebnisse oder haben sie einen systematischen Grund? Um diese Frage wissenschaftlich korrekt anzugehen, benötigt man komplexe statistische Verfahren. Doch haben die noch Platz in einer „Wissenschaft der Individualität“? Kucklick weiß hierauf keine Antwort, ist sich aber sicher, dass eine entsprechende Wissenschaft kommen wird.

Bevor sich Kucklick mit den drei Revolutionen im Detail beschäftigt, macht er noch einen Vorgriff auf Aussagen und Entwicklungen, die sich aus den Revolutionen ergeben würden. Auch hier kommt nach einer steilen These die nächste schnell hinterher, auf Begründungen wird (vorerst) verzichtet.

  • Institutionen werden zerbröckeln. Dazu zählt Kucklick Teile des Rechts, den Datenschutz, Bildung und das Bruttosozialprodukt als Ausweis von wirtschaftlicher Stärke.
  • Ein neues Menschenbild muss her. Der rationale Mensch kann sich nicht gegen die Intelligenz der Maschinen behaupten: Der Mensch muss sich als unberechenbares, spielerisches, störungsanfälliges und störendes Wesen neu erfinden.
  • Die Machtverteilung zwischen Ärzten und Patienten verändert sich zugunsten von intelligenten Maschinen.
  • Aus Billardkugeln werden Schrottkörner (Metapher für Menschen und ihre Beziehungen untereinander).

Insgesamt sieht Kucklick die granulare Gesellschaft eher positiv. Schließlich hätte die Menschheit schon andere entsprechende „Katastrophen“ gut überanstanden: Entstehung der Sprache, Erfindung der Schrift und Erfindung des Buchdrucks.

Dieser Artikel ist Bestandteil einer Artikelserie zur „granularen Gesellschaft“

  1. Granularität oder das Ende der Gleichheit
  2. Differenz-Revolution: Vom Individuum zum Singularium
  3. Intelligenz-Revolution: Nutzen und Kosten der künstlichen Intelligenz
  4. Kontroll-Revolution: Wir werden vorhersagbar, weil wir uns vorhersagbar machen
  5. Fazit: Der neue Mensch der granularen Gesellschaft

 

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